In der Kategorie „Reisetagebuch“ schreibt Martin Hiller hier von Urlaub, Reisen, Ferien und anderen, tendentiell in der Ferne verbrachten Freizeiten.

Vom  Lost Baggage fehlt immer noch jede Spur. Immerhin finden sich nun, nach einigen Tagen ohne Rasierer, aber Spuren von einem Bart in meinem Urlaubsgesicht.

Mein Bartwuchs ist generell kein besonders starker. Trotzdem oder gerade deshalb müsste ich mich eigentlich alle zwei bis drei Tage mal rasieren. Ich sehe jetzt, am sechsten, unrasierten Reisetag, aus wie ein Kind, dem man eine Hand voll Fliegenbeine ins nasse Gesicht geworfen hat. Als Mann von Welt geht das nicht durch. Egal. Ist ja Urlaub. Hier sieht mich eh keiner. Eine Haltung, die besonders unter deutschen Touristen weit verbreitet scheint. Der deutsche Touri rennt im Urlaub rum, als sei sowieso alles egal und das Ende der Welt nah. Kurze, lachsfarbene Hose, ein launiges Motivshirt und ein in allen Wortsinnen irgendwie aufgesetzt wirkender Hut – optional, gerade wenn wieder irgendwas mit Fußball ist, mit schwarzrotgoldenem Zierband.

Der Urlaubsdeutsche nutzt seine freien Reisetage natürlich auch gern zum Saufen. Schon nach dem Frühstück geht da das erste Bier in den, vom vielen Essen ohnehin schon gelähmten Bauch. Ich selbst gönne natürlich jedem seinen individuellen Exzess. Mir sind rauschverliebte und unvernünftige Leute im Geiste grundsätzlich näher als verklemmte Asketen, die ihre, aus binsenweisen Quatschratgebern zusammengestellten Routinen der Lebensoptimierung als Achtsamkeit und Awareness tarnen.

Ich persönlich nutze den Urlaub aber auch gern mal, um ein weniger wildes Leben zu führen. Der generelle Deutsche ist im Urlaub ein klassicher Entlastungstrinker. Er säuft wohl deshalb schon so früh am Tage, um eine Art Vorrat an innerer Freizeit anzulegen. In der Hoffnung, sie würde noch etwas in die, sich zwischen den Wochenenden auftürmenden All- und Arbeitstage daheim hineinstrahlen. Denn Urlaub bedeutet ja raus aus den eigenen vier Wänden! Wenigstens zeitweise den dumpfen Tagen des Trottes entfliehen, hinein in andere Wände oder eine zeitweise sogar wändelose Umgebung.

A Room with a View
A Room with a View

Da ich mich gelegentlich als Verkoster günstiger Biermarken verdinge, gönne ich mir hier beizeiten dann aber doch ein regionales Bier. Allzu sehr wird hier in dieser Richtung noch nicht rumgehipstert, die Kioske und Supermärkte verkaufen schlichte, leichte Schankbiere in 66cl-Flaschen. Eher so Pille Palle statt Pale Ale. Leicht unterkühlt sind aber auch diese Gebrauchsbiere ganz gut. Sich bei diesen Temperaturen an einem Kaltgetränk auch noch mit irgendwelchen komplex ineinander verschachtelten Geschmackskörpern herumzuschlagen, das möchte man der Zunge gar nicht zumuten. Jede Bewegung ist hier fatal, sie könnte ja die innere Freizeit durcheinander rütteln.

Auch hatte ich hier im Urlaub kurz eine Kaffeeabstinenz in Erwägung gezogen. Aber er schmeckt einfach zu gut. Der Caffè Americano, von dem morgens immer ein Kännchen gereicht wird, ist so stark, dass auch ein ordentlicher Schwapp der gesüßten Mandelmilch ihn kaum aufhellt.  Die Tätigkeiten des Essens lege ich, es ist ja immer an die 40 Grad hier, in die Morgen- und Abendstunden. Tagsüber vielleicht mal ein Arancini, eine sizilianische Spezialität, die an den Imbissen hier von Straßenarbeitern, Anzugträgern, ja sogar ganzen Hochzeitsgesellschaften auf die Hand gegessen wird.

Arancini und Bier
Arancini und Bier

In dieser Hitze habe ich mir natürlich die Plautze und den Spann am linken Fuß verbrannt.  Die 50er Sonnencreme, die ich mir für meine kellerblasse Haut kaufte, ist nach wie vor im Lost Baggage, also wahrscheinlich im Bauch irgendeines Flugzeuges am anderen Ende der Welt.

Bis auf meine neu gekaufte kurze Hose (meine erste seit Kindheitstagen) kleide ich mich in die Unterwäsche und das Hemd, mit denen ich anreiste. Ich spüle die Sachen vor dem Schlafengehen durch, schlafe nackt und ziehe die balkongetrockneten Sachen am nächsten Tag wieder an. Meine Haare mache ich mit Deostick schön. Ein Leben aus der Satteltasche. Wie ein Kuhhirte. Wäre aber dann auch mal toll Ohrenstäbchen zu nutzen oder obenrum was Anderes anzuziehen. Aber ich weiss, Air Berlin („die da oben!!!11!1“), das ist Luxus, tsorry.

So langsam habe ich auch alle meine Handgepäcksliteraur ausgelesen. Das schöne an so einem Urlaub ist ja, dass man mal wieder richtiggehend zum Schmökern kommt. Im tumben Alltag, diesem debilen Bruder vom Urlaub, hat man ja so seine 1, 2 Bücher auf dem Nachttisch, kommt aber verhältnismäßig selten dazu, mal richtig konzentriert in einem großen Textkörper zu versinken. Die schrillen, wirr-verknappten Inhalte des Internets tun ihr Übriges. Aus der Stadtbibliothek lieh ich mir eine Hand voll Rolling Stone Magazine aus. Ich war zu klamm mir mal wieder eine Spex zu gönnen, was ich zu Reiseanlässen meistens mache, um mal zu schauen, ob unter der aktuellen Chefredaktion (da war in den letzten Jahren ja viel Bewegung drin) ein verzettelter Freeform-Feuilleton-Sprech, der Duktus von Proseminars -Wissenschaftlichkeit oder jenes neunmalkluge, posermäßige Musikbloggergebrabbel überwiegt, mit dem man seit geraumer Zeit anscheinend verbeitet publizieren darf, weil das den Geist der Generation Y abbilde oder was weiss ich. Vielleicht bin auch einfach ich älter geworden. Das Gefühl, dort die superdeepen Ergüsse von voll den krassen Pop-Professoren zu lesen, hatte ich jedenfalls lange nicht mehr. Im Rolling Stone, diesem altgedienten Altherrenheft, wurde ich immerhin erinnert, dass ich die letzten beiden Jarmusch-Filme noch gar nicht gesehen habe und, dass es einen Bildband über frühe Konzerte der Stooges gibt und, dass man auf eine Livebootleg der Stooges Bierflaschen fliege  höre. Stark. Besonders letzteres würde ich jetzt gern verifizieren, bin aber am Handy ein sehr ungelenker Recherchemacher. Am Computer dagegen – mit Tastaturkürzeln und tausend offenen Tabs arbeitend – ein Wiesel in den weiten des WWW.

Ansonsten bestimmen natürlich immer noch althergebrachte Eiermenschen wie Sting, Clapton, Bono und die Stones gefühlt jede Ausgabe des Rolling Stone. Abgerundet durch so manche White-Stripes-Epigonen. Im Bordmagazin der Fluggesellschaft eine Werbung für eine Rothko-Hopper-&-Co.-Ausstellung in Potsdam. Ich kriege zuhause offenbar auch gar nichts mehr mit. Nach dem Urlaub, wir landen ja in Berlin, also erstmal noch ins Barberini.

1. Mai 2019

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