Lochbuch: 12.08.2006

Lochbuch: 12.08.2006

eigentlich hatte ich eine so tolle tagesplanung für heute.

ich wollte eine hose umtauschen, was nicht geklappt hat, weil es das modell hier gar nicht gab, und ich deshalb meine etwas zu kurze hose, nicht gegen eine etwas längere des gleichen modells umtauschen konnte, was aber, die tagesplanung betreffend, genau genommen noch kein tief- oder niederschlag war. dann war ich ess- und trinkbares einkaufen, und ein duschgel, in das ich mich ein bisschen verliebt habe, das ist spottbillig und heisst emotions oder sowas und da ist patchouli drin. und patchouli finde ich grundsätzlich ziemlich super. ich kannte als jugendlicher mal zwei gruftmädchen. sie trugen ganze patchouliwolken mit sich herum, wie duftende wetterphänomene umfing die beiden dieser ebenso erdige, als auch eklektizistische geruch. das eine gruftmädchen ist jetzt ganz und gar kein gruftmädchen mehr, und studiert nun auch in dieser stadt. ich hatte gestern nacht, auf einer dieser parties  hier, eine mittelkleine konversation mit ihr und den um sie herum sitzenden jungs. menschengruppen sind mir generell eher supsekt; auf parties entwickeln sie nochmal ganz eigene dynamiken und strahlungsmomente. wir sprachen über tierlose ernährung, weil sie das, wahrscheinlich als sie noch gruftmädchen war, auch mal betrieb: tiere nicht essen. jetzt aber singt sie loblieder auf wurst und fleisch und fisch, und die umsitzenden jungs (solche jungs, die schon im kindesalter nichts sehnlicher als „männer“ sein wollten) nickten eifrig. einem dieser umsitzenden jungs, der jetzt seinem kindischen wunsch gemäß wahrscheinlich schon „mann“ genannt werden darf, denn er steht voll im berufsleben – und so ein wackerer stand im leben ist ja heute eine gern gemachte grenzziehung zwischen jugend und erwachsensein – diesem mann also versuchte ich, obwohl oder gerade weil nicht mehr ganz beieinander, detaillierte ausführungen zu seinem beruf zu entlocken, was ihn anfangs natürlich sehr irritierte, dieses eifrige interesse meinerseits an seinem lebegang, dieses vehemente, wirr fragende einstochern auf ihn. es muss ein wenig so ausgesehen haben, als wolle sich einer, der keine ahnung davon hat, erklären lassen, wie so ein leben von richtigen leuten funktioniert.

nach dieser fragenreichen nacht, ging ich am späten nachmittag also meine einkäufe tätigen. ich kaufte mir ess- und trinkwaren, und wollte in meiner tagesplanung mit der zubereitung von rucola-tofu-pinienkern-tagliatelle fortfahren, um dann, nach dem essen, bisschen verdauuung natürlich eingerechnet, ein bad zu nehmen, um mich im anschluss daran, vielleicht auch schon währenddessen, den getränken zu widmen, und dabei – und das ist im grunde der knaller, das highlight meiner tagesplanung, denn obwohl ich das ja sonst für die größte zeitverschwendung ever halte – super mario zu spielen. ich halte computerspielen im generellen als eher zeitverschwendend und meine ambitionen und erfolge in diesem bereich datieren nur zurück auf die mittleren bis späten neunziger jahre. heute halte ich computerspielen für sehr zeitraubend. zudem ist es mir immer sehr lästig, mich überhaupt erst in die möglichkeiten, regeln und technischen voraussetzungen, die man für so ein spielen braucht, hineinzuarbeiten. spielen ist ja ein stück weit auch simulation, von etwas, das man real so nicht machen kann, will oder soll. ich selbst bin früher bei computerspielen, wenn sie es zuließen, eher sinnlos, ohne ziel und ohne mission (ein weiteres wichtiges element des spielens) in der gegend herumgefahren oder gelaufen. das reichte mir und war drollig genug für mein melancholisches gemüt auf der suche nach dröger zeitzerstreuung.

ich glaube mit super mario könnte ich heute, nach essen, bad und trank, vielleicht an solches  spielverhalten anknüpfen.

jetzt kommt der nerdige teil: mein kleiner bruder hatte damals eine nintendo-64-spielkonsole. damit spielte ich dann auch manchmal. es gab dafür das spiel super mario  in 3D. ich fand das unglaublich: dieses in alle richtungen gehen können, ohne sich selbst – als dumpfer mensch vor dem bildschirm – dabei zu bewegen. abenteuer bestehen, rumhüpfen, rennen und so kram. und nun habe ich einen sogenannten emulator installiert, auf meinem computer, also ein programm, eine software, mit der man, wenn man sogenannte „roms“ dort hineinlädt, in dieser software, nintendo-64-spiele spielen kann. und zwar in „hoher auflösung“, und nicht in 300irgendwas mal zweihundertirgendwas oder wie es auf dem nintendo 64 an sich eben halt war. und natürlich habe ich mir sofort super mario in 3D dafür besorgt, als „rom“, und habe gestern angefangen zu spielen, fand das nach 5 minuten leider total langweilig. heute aber fühlt sich das vorrausfühlend wie ein kleines unterhaltungsknallbonbon im tag an. ich gewähre meiner karriere als computerspieler also nochmal einen versuch. ein weiteres level.

da aber leider der rucola, den ich kaufte, vergammelt war, und, als ich die folie drumherum öffnete, einen unglaublichen gestank von sich gab, ist der tagesplanungspunkt rucola-tofu-pinienkern-tagliatelle kochen und essen, bedauernswerterweise von der liste – aber leider eigentlich, gerade als zwischenstation zu der supermariosache, sehr wichtig gewesen.

also werde ich vielleicht dosenmais-tofu-pinienkern-tagliatelle machen, was in meiner vorstellung allerdings wenig reizvoll scheint. aber da ich, wie man merkt, meine tagesplanung betreffend heute sehr detailfixiert bin, werde ich das trotzdem machen, weil, wenn schon kein rucola dann wenigstens aber tofu-pinienkern-tagliatelle darin vorkommen muss, zwecks gemüseeinlage, aber eben durch ein ebensolches, ein gemüse, ergänzt werden muss, und aufgrund von frischgemüsemangel hier nur durch dosengemüse getan werden kann.

das leben ist kompliziert, ich weiss.
aus dem musikplayer in der küche (ich sortierte mir für meine kulinarischen geschicke schonmal paar sachen hin) schallt whigfield.
saturday night.

martin hiller
12.08.2006


Zwischen den Jahren 2000 und 2008 führte Martin Hiller ein tagebuchartiges, größtenteils nicht öffentlich zugängliches Tage-/Logbuch. Es entstand ein Textkorpus mit Löchern und Launen, der zuweilen als „raw data“, „moodboard“ und Zettelkasten für gegenwärtige prosaische, aber auch musikalische Arbeiten von Martin Hiller dient. Die Kategorie „Lochbuch“ versammelt ausgewählte Einträge.