Leicht aufgekratzt und überdreht stellt sie eingerahmte Fotos ins Fensterbrett und freut sich über das bisherige Jahr.

Draussen wacholdert der Spätsommer durch die Hecken. Die gelben Säcke lehnen sich an die Mülltonnen wie faule Halunken. Mindestens zwei der daneben abgestellten Fahrräder sind seit Monaten nicht mehr benutzt worden. In die Speichen spannen Spinnen ihre Räder gegen das letzte Tageslicht. Es ist auch abends noch äußerst warm in den Straßen.

Es war in diesen letzten Monaten des ausgehenden Sommers nochmal richtig heiß geworden. Eine ungewöhnliche Hitze, die man eher von einem Juliwetter erwarten würde. Manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie in leisen Selbstgesprächen über das Wetter zetert. Sie lacht dann kurz laut auf und nimmt sich vor wieder mehr unter Leute zu gehen. Das kleine Kofferradio auf dem Balkon näselt sich durch die Nachmittagsnachrichten. In Setzkästen zieht sie Rüben dieses Jahr. Unter der Spüle gesammelte Gläser zum Einwecken im Herbst.

Der Sommer war jetzt endlich vollends da. Die Tage stehen gelähmt und still einfach nur so da, als Häufung von Stunden. Kinder stecken Käfer in Teerblasen. Um den öffentlichen Papiermüllcontainer herum weht es altes Zeitungspapier über die Straße. Ein Pfandsammler klappert mit seinem Pfandsammlerfahrrad über die kleine Kreuzung. Der Sommer ist jetzt vollends da, die Parkplätze sind leer, die Menschen im Urlaub.

Jakob macht nichts in diesen Tagen. Er liegt den ganzen Tag im Zimmer, schaut Filme, geht gelegentlich kleine Einkäufe erledigen und hofft heimlich, dass das Gefühl dieser stillen Tage, deren Leichtigkeit er mit einer nicht unerheblichen Skepsis auf die Jahreszeit zurückführt, nicht unverhofft in jene kupferstichkühle, bleierne Schwermut umschlägt, die ihn sonst, besonders im Spätherbst und Winter, in solchen Tagen des Nichtstuns umfängt.

Im Februar hatte sie Besuch aus einem Dorf in der Bretagne, dessen Namen sie nicht mehr weiss. Die Menschen dort essen nur Austern, die sie selbst im Watt gesammelt haben. Sie wohnen in kleinen Bretterhütten und ziehen pastellbuntes Gemüse im Garten.

Wenn ihnen die Gemüter quer stehen, gehen sie in die Lavendelfelder am Stadtrand und rufen den Wind an. Der trägt ihren salzigen Austernatem dann raus aufs Meer, wo die Tölpel ihre Kreise ziehen.

Wenn das Telefon klingelt ist sie nicht zu Hause. Manchmal glaubt sie, niemand kennt sie. Sie hat sich als drei verschiedene Personen ins Telefonbuch eintragen lassen. Sie fand es amüsant, sich den Namen Josefine Apfelsine zu geben und hat ihn ganz klein, neben ihren eigentlich Namen, auf den eierschalenweißen Briefkasten geschrieben. Sie wäre gern auch, wie Holy Golightly, immer auf reisen. Sie wartet immer noch auf eine Postkarte, die sie sich aus Schweden im letzten Sommer selbst geschickt hat. Sie würde gerne eine eigene Flugbegleitergesellschaft haben und als Chefstewardess im blauen Dreiviertelrock die Passagiere auf der Gangway begrüßen. Sie wäre immer unterwegs und doch näher bei sich, als sie es in den letzten Jahren war, so denkt sie. Im Rucksack hinter der Tür steckt noch der Geruch vom schwedischen Wald.

Heute ist sie mit Jakob zum Essen verabredet. Er klingelt pünktlich um dreiviertel Neun. Der elektrische Türgong erregt ein unbenanntes Schaudern, ruft Gerüche und Erinnerungen aus den Elternhäusern ihrer Kinderfreunde hervor. Sie wischt diesen emotionalen Reflex mit einem leichten Kopfschütteln beiseite, klopft sich die Hände an der Schürze ab und steht wartend neben dem Lavendelstrauß, der trocken im Türrahmen hängt.

martin hiller
2011

1. November 2019

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